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SonicSedcuer - Mera Luna 2026 - Interview

Sonic Seducer: Hat sich eure Kunst im Laufe der Jahre verändert - oder verändert sich vielmehr die Welt um eure Kunst herum?

Tilo: Ja beides, also einerseits die Welt verändert sich ja wirklich in einem rasanten Tempo. Wir haben in unserer, vor allem in der westlichen
Gesellschaft haben wir Entwicklungssprünge nahezu, für die es früher 500.000 Jahre gebraucht hat, innerhalb von einer Dekade oder einer Generation. Das ist wirklich enorm und schwierig auch für unsere Köpfe, für unsere Herzen, das alles so mitzumachen, diese Geschwindigkeit. Dafür ist der Mensch nicht wirklich gemacht. Das ist das eine. Und auf der anderen Seite, wir reflektieren natürlich darauf. Verändert sich auch unsere Musik. Anne: Älter und weiser. Tilo: Genau, älter und weiser. Anne: Und so ist unsere Musik auch mit uns. Tilo: Genau. Anne: Irgendwie, passt zusammen.

Sonic Seducer: Eure Musik lebt von Gegensätzen. Glaubt ihr, dass echte Kunst gerade diesen Widersprüchen entsteht?

Tilo: Ich denke, Kunst lebt immer von Widersprüchen. Natürlich gibt es auch Kunst, die jetzt keine Widersprüche, die jetzt nicht provozieren oder wie auch immer, sondern einfach nur erhebend sein. "Einfach nur" ist in dem Zusammenhang falsch. Die erhebend sein will, und das ist was wahnsinnig Schönes. Total. Aber ein Großteil der Kunst ist ja daraus entstanden, dass man seinen Mund nicht halten konnte, dass es in einem gebrannt hat, dass es raus musste. Und so würde ich zumindest Lacrimosa auch bezeichnen. Anne: Ja

Sonic Seducer: War künstlerische Unabhängigkeit jemals ein Risiko, dass euch schlaflose Nächte bereitet hat?

Anne: Ich glaube, wir können gar nicht anders. Wir können nur das produzieren, was aus innen von uns kommt.
Und wenn wir irgendwas anders machen würden, das wären wir nicht mehr. Tilo: Ja, Ja das ist halt schon so. Dann würde man ja etwas von außen aufnehmen. Wenn man einem Trend hinterherläuft oder auf einen Trend reagiert, dann nimmt man etwas Äußeres auf. Und das macht aus dem Konzept heraus, warum wir Musik machen, keinen Sinn, weil wir wollen ja unsere Emotionen zum Ausdruck bringen. Und deswegen funktioniert das nicht.

Sonic Seducer: Wenn ihr heute ein neues Album schreibt - beginnt dieser Prozess mit einer konkreten Aussage, einer Emotion oder eher mit einer offenen Frage, auf die ihr selbst noch keine Antwort kennt?

Tilo: Im Prinzip ist ja unsere Musik, die Texte, die wir schreiben, wie im Prinzip Tagebucheinträge. Wir leben und schreiben das auf, was uns bewegt, was uns berührt. Und daraus entstehen dann manchmal
Songs. Das heißt, wir haben jetzt nicht konkret die Idee, wir müssen ein neues Album machen und das Thema ist jetzt Berg und jetzt machen wir alles über Berg. Sondern es ist halt wirklich so, im Prinzip, was wir erleben. Anne: Was uns bewegt. Tilo: Genau. Anne: Das kann täglich sein und wir schreiben einfach alles auf, was uns bewegt. Und wenn man dann später irgendwie.. also bei mir ist das so:  Wenn ich die Texte dann durchlese, kommen mir sofort die Melodien. Und daraus entsteht einfach mal schwuppdiwupp ein Song. Tilo: hahah : )

Sonic Seducer: Ist Musik für euch eher ein Ort, an dem Antworten entstehen - oder einer, an dem Fragen bewusst offen bleiben dürfen?

Tilo: Beides. Es gibt Musik, die ich, jetzt gar nicht mal unbedingt unsere Musik, sondern Musik, die ich höre, wo ich denke, dieses Gefühl beantwortet alles. Man fühlt sich einfach geborgen. Und auf der anderen Seite liebe ich aber auch Musik, eben die Fragen aufwirft, auf die mich zum Nachdenken bringt, die mir auch ein bisschen hilft, mich selbst zu reflektieren, die Welt zu reflektieren und ein bisschen über meinen Tellerrand zu schauen. Also ich finde, das ist beides.

Sonic Seducer: Gibt es Begegnungen mit Fans, die euren Blick auf die Bedeutung eurer eigenen Musik nachhaltig verändert haben?

Anne: Gute Frage. Tilo: Ja. Also, es ist...  Normalerweise, wenn ich komponiere, dann denke ich überhaupt nicht an .. daran, dass das irgendwann mal andere Menschen hören. Dann bin ich wirklich so ganz in mir. Aber durch Begegnungen kommt es schon hin und wieder mal vor, dass eine gewisse Verantwortung in mir wach geworden ist. Weil Menschen mit mir gesprochen haben und gesagt haben, dieser Song hat mir das Leben gerettet usw. oder ich bin mit dem Song oder mit dem Album aufgewachsen. Und das... so was bleibt haften. Und dann merkt man manchmal, dass man eine gewisse Verantwortung hat. Ist es nicht so, dass diese Verantwortung dann in einer Zensur mündet? Aber sie mündet in einem: "Verdammt nochmal, gib dir Mühe. Du musst jetzt wirklich alles hier geben von dir. Du kannst nicht einfach nur 50 Prozent machen."

Sonic Seducer: Wie entwickelt sich heute der kreative Dialog zwischen euch beiden - widerspricht ihr euch häufiger oder versteht ihr euch inzwischen fast ohne Worte?

Anne: Ja. Verständnis ohne Worte. Kennen wir uns schon seit einiger Zeit. Ja, und er versteht meine musikalische Intention ziemlich gut. Also wir machen meine Songs ja zusammen. Und irgendwie trifft er meinen Ton. Immer wieder. Das ist so schön.

Sonic Seducer: Künstler stehen heute unter einem enormen Druck, permanent sichtbar zu sein. Ist eure eher zurückhaltende Haltung heute schwieriger aufrechtzuerhalten als noch vor zwanzig Jahren?

Tilo: Ganz klar, weil durch Social Media ist man ja fast dazu genötigt, sich die ganze Zeit zu zeigen. Und das ist für uns beide gar nicht so ... Es klingt vielleicht ungewöhnlich, aber die Öffentlichkeit meiden wir eigentlich lieber. Wir möchten halt Musik machen. Und zumindest bei mir war das so, als ich dann gemerkt habe, dass das eine gewisse Aufmerksamkeit auf mich zieht. Natürlich habe ich auf die erste Platte ein Bild von mir gemacht. Ein bisschen Eitelkeit und so weiter ist klar. Ich habe es immer gehasst, wenn ich mir eine LP gekauft habe, und da ist kein Bild von dem Künstler drauf gewesen. Anne: Ja, ja Tilo: Es gab ja noch kein Internet. Ich wusste nicht, wie die aussehen. Und dann habe ich gefunden, bei mir kommt dann schon ein Bild drauf. Und dann später habe ich bereut, dass ich ein Bild drauf gemacht habe, weil jetzt erkennen mich ja die Leute. Das ist ja auch doof. Also das heißt, wir haben nie so die Öffentlichkeit eigentlich gesucht. Wir haben es inzwischen begriffen, das ist jetzt einfach so. Aber wir suchen es halt nicht wirklich. Aber es wird halt durch Social Media ein bisschen schwieriger. Aber auch da gibt es ja Mittel und Wege. Ich poste halt viele Fotos, weil ich gerne fotografiere. Aber ich bin halt nicht die ganze Zeit auf diesen Fotos zu sehen, zum Beispiel. Das geht ja auch.

Sonic Sedcuer: Wenn ihr eines eurer Alben heute noch einmal völlig frei und ohne jede Erwartungshaltung neu interpretieren könntet - welches würde euch am meisten reizen und warum?

Tilo: Auf keinen Fall würde ich es jemals machen. Anne: Ich würde auch nichts ändern wollen. Tilo: Genau. Das ist ja genau in der Zeit. Das musste so sein. Da war man als Mensch in seiner menschlichen Entwicklung genau dort. Und das darf man nicht anfassen. Und ich muss ganz ehrlich sagen, Künstler, die das machen, die noch mal alte Alben hervorgraben und neu aufnehmen. Leute, macht es nicht! Also wenn ihr Musik macht und ihr denkt, das kriege ich heute besser hin. Nee, kriegt ihr nicht. Ihr kriegt es nicht besser hin. Anne: Das Gefühl kriegt man nicht wieder. Tilo: Da kann man mit noch so Produktionstechniken aus der heutigen Zeit aufkommen. Man kriegt dieses Gefühl nicht mehr.

Sonic Seducer: Was ist heute noch der innere Antrieb ein neues Lacrimosa-Album zu schreiben? Was muss in euch passieren, damit neue Musik überhaupt entstehen kann?

Anne: Wir leben noch. Tilo: Ich bin gerade im Moment wieder in so einem Kompositionsflash. Ich bin so fasziniert davon, ans Klavier zu sitzen oder eine Gitarre zu nehmen. Und zu wissen, da entsteht Neues. Neue Musik kommt in die Welt. Und, das ist .. das ist einfach.
Ich kann es gar nicht beschreiben. Wenn mir jetzt jemand verbieten würde, Musik zu machen, das wäre wahrscheinlich das Schlimmste für mich. Also demzufolge, eben..  Wir sind ja nicht so eine Band, die jetzt sagt, wir müssen ein neues Album machen, jetzt raufen wir uns mal wieder zusammen und gehen ins Studio. Sondern eben so ein laufender Prozess. Und ständig schreiben wir Songs und so weiter. Und irgendwann merken wir auch jetzt, eigentlich so langsam, irgendwie hat sich das jetzt geformt und das macht Sinn zusammen. Wir glauben jetzt, so langsam ist ein Album mal fertig. Also es ist einfach, es passiert einfach. Anne: Ja, es ist ein ständiger Prozess irgendwie.

Sonic Seducer: Ist Perfektion für euch ein künstlerisches Ideal -oder eher ihr größter Feind?

Tilo: Man muss im Prinzip Perfektionen definieren. Es gibt ganz.. Also wenn ich im Studio als Produzent bin, habe ich eine andere Definition von Perfektion, als wenn ich vorher den Song geschrieben habe. Das
sind verschiedene Sachen und dann fragst du einen Metaller, der Lacrimosa hört, der hat andere Prioritäten, wenn er ein Lacrimosa-Album hört, als jemand, der mit Lacrimosa aufgewachsen ist. Wie du. Deswegen, was bedeutet die Perfektion? Was will, oder was bezeichnet man in dem Moment als Perfektion? Und für mich meine Definition, bei diesen ganzen verschiedenen Definitionen für Perfektion, die man ansetzen könnte, ist für mich eigentlich immer das gewesen, spüre ich es. Wenn ich es mir anhöre, spüre ich es. Und deswegen ja auch diese Antwort auf die Frage vorhin, deswegen kann man die alten Sachen nicht nochmal neu aufnehmen, weil man könnte es perfekter produktionstechnisch machen. Aber das wäre halt einfach nur eine der vielen Antworten auf Perfektion.
Anne: Und eben, für jeden Menschen ist Perfektion was anderes. Also ich geb in dem Moment, wo ich irgendwie ein Output von mir gebe, musikalisch, gebe ich mein Bestes. Und wenn das nicht reicht für jemand anderen, für mich muss es nicht perfekt sein.

Sonic Seducer: Wenn ihr Lacrimosa nicht als Band, sondern als literarische Figur betrachten würdet - in welchem Kapitel ihrer Geschichte befindet sie sich heute? 

Tilo: Ach na ja, es ist ein Fortsetzungsroman und das ist die aktuelle Ausgabe. Anne: Ja, könnte man so sagen.
Das Interview wurde vom Sonic Seducer geführt und von Bloody Harlekin - The Lacrimosa Fanpage transkribiert.