Kartagon
Ich hatte vor einiger Zeit die Möglichkeit ein sehr interessantes Interview mit Hannes und Thomas von Kartagon führen zu dürfen. Ich hoffe euch gefällt dieses Interview.
Man kennt euch von der Kultband Panic on the Titanic die von 1990 bis kurz vorm Millennium bestand hatte, was hat euch zum Musikmachen gebracht?
Vielen Dank für den Status einer Kultband! Wir sind schon seit Teenager-Tagen am Musizieren.. Hannes hatte früh schon als Kind Gesangsausbildung im Chor und Klavierunterricht. Thomas hatte Instrumentalunterricht an der Orgel und konnte sogar mit den Füssen den Bass spielen :-) ( Anmerkung Michael: Das würden wir sicher gerne mal sehen!)
Warum der Name Panic on the Titanic und was war der Eisberg der dieses Projekt zum Sinken gebracht hat?
Die Band entwickelte sich aus einer Schülerband und wurde über die Jahre hinweg immer ernsthafter, wobei sie sich erst nach und nach in die Richtung Darkwave/EBM/Gothic bewegte. Der Name entstand ursprünglich aus Spass. Doch nach unserem ersten Konzert bei einem Schulfest hatten wir das Gefühl, dass wir ihn aufgrund unseres 'Bekanntheitsgrades' nicht mehr ändern konnten – und so blieb er! Es folgten die ersten Tapes, positive Rezensionen, Zeitungsartikel, ein Plattenvertrag und schliesslich das erste CD-Album, wobei der Name immer Bestand hatte.
Gegen Ende der 90er Jahre lief das Projekt jedoch mehr und mehr aus. Die Band hatte sich bereits Mitte der 90er aus verschiedenen Gründen auf ein Duo reduziert, bestehend aus Thomas und dem Sänger Simon. Obwohl noch ein Album produziert und veröffentlicht wurde, waren die Produktionsbedingungen äusserst schwierig, und auch die Zusammenarbeit der beiden gestaltete sich zunehmend kompliziert.
2001 habt ihr dann Kartagon gegründet, wie kam es dazu?
Um das Jahr 2000 herum arbeitete Thomas im Studio an neuen Demos, die nicht mehr für POTT gedacht waren. Als wir darüber sprachen, kam Hannes schnell mit Gesangsideen. Nachdem die Gesangsdemos im Kasten und für gut befunden worden waren, war für uns beide klar, dass dies ein neues Projekt sein musste, und so wurde Kartagon gegründet. Wir wollten ganz bewusst einen Neustart machen, den Reset-Knopf drücken und den 'Panic-Sound' der 90er hinter uns lassen. Unsere langjährige Zusammenarbeit hat uns stets dazu ermutigt, uns weiterzuentwickeln und neue kreative Impulse aufzugreifen. Kartagon war ein perfektes Beispiel für diese Experimentierfreudigkeit und unseren Drang, eine neue Richtung einzuschlagen. Wir konnten dann erfolgreich eine Partnerschaft mit dem Label 'Strange Ways' aus Hamburg eingehen, die das Kartagon-Debütalbum veröffentlichten.
Wie beschreibt ihr eure Musik (für die, die euch noch nicht kennen)?
Wenn wir von Personen gefragt werden, die sich in den Musikgenres bzw. speziell in der Wave/Gothic Szene nicht auskennen, beschreibe ich es als Dark Elektro (“wie Depeche Mode - aber härter…”). Wir verwenden aber auch Anleihen aus dem Synthpop, EBM, manchmal Trance…
Ihr macht schon seit mindestens 35 Jahren Musik (Glückwunsch), wie hat sich das Musikmachen verändert?
Ja, das stimmt – vielen Dank! Es gab zwar immer wieder kreative Pausen, aber die Musikproduktion hat sich über die Jahre hinweg grundlegend gewandelt. Früher war man auf teure Studios und spezielle Hardware angewiesen; heute ermöglicht uns die Technologie, mit einem Laptop im Prinzip überall, sogar am Küchentisch, Ideen aufzunehmen und komplette Songs zu produzieren.
Das hat auch die Zusammenarbeit massgeblich beeinflusst. Es ist viel einfacher geworden, mit Teammitgliedern oder Produzenten über Distanz zu arbeiten und musikalische Ideen auszutauschen. Diese Flexibilität, nicht ständig an einen physischen Ort gebunden zu sein, ist enorm inspirierend und macht viel Freude.
2010 habt ihr mit Lacrimosa auf dem Eine Nacht im Bergwerk Festival gespielt, war es der erste Kontakt zu Lacrimosa bzw. Tilo Wolff?
Ah, nein. Wir kennen Tilo schon seit Anfang der 90er Jahre und unsere Wege haben sich sowohl privat als auch musikalisch immer wieder gekreuzt. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir uns zuallererst wohl an Wave/Gothic Parties in Basel kennengelernt. Dazu haben wir unsere ersten zwei POTT Alben im gleichen Studio wie er aufgenommen und haben uns auch dort im Studio getroffen. Wir kennen und schätzen uns gegenseitig sehr, privat als auch künstlerisch, so kam ja letztlich auch die Kollaboration für das Snakeskin Album “Medusa” zustande.
2013 gab es dann auf dem Album in the Clinic die Zusammenarbeit mit Tilo, wie kam es dazu und warum war es der Song Messiah?
Für unser zweites Kartagon-Album hatten wir uns vorgenommen, bewusst Kooperationen mit anderen Sängern einzugehen. So entstanden die Stücke mit der Schweizer Sängerin Nubya und mit Tilo. Speziell für den Song 'Messiah', der so wunderbar episch ist, waren wir überzeugt, dass Tilos unverkennbare Stimme und sein Gesangsstil perfekt dazu passen würden. Wir haben ihm eine Demoversion des Songs geschickt, und er war sofort begeistert und sagte zu.
Dass wir diesen Song dann tatsächlich einmal live vor grossem Publikum mit ihm spielen durften, hätten wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Doch genau das ist auf unserer Tour in Mexiko passiert – ein absoluter Höhepunkt und eine unglaublich erfüllende Erfahrung.
2015 seid ihr mit Lacrimosa auf Tour in Mexiko gewesen, wie war diese Erfahrung für euch? Konntet ihr etwas von der Kultur und den Menschen in euch aufnehmen?
Wenn ich daran zurückdenke, bekomme ich schon wieder Gänsehaut. Es war so spannend und toll. Die Fans von Lacrimosa haben uns äusserst positiv mit offenen Armen und Freude aufgenommen, so dass wir bis heute dankbar sind, dass wir dort Vorband sein durften. Dies ist ja oft bei solchen Touren nicht selbstverständlich und es braucht auch etwas Mut vom Management und Veranstalter, eine nicht-etablierte Supportband auftreten zu lassen. Umso mehr waren wir dankbar für die Fans, die uns während der Konzerte abgefeiert haben. Wir kennen Mexiko sonst von Ferienaufenthalten. Die Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit und Freude der Menschen an der Musik und an den Konzerten begeistert uns bis heute. Erneut in Mexiko auftreten zu können wäre ein grosser Wunsch von uns.
Im Jahre 2019 wart ihr dann wieder auf Tour in Mexiko, aber auch in Russland und in Deutschland. Wie unterschiedlich habt ihr das Publikum dort erlebt?
Natürlich hat jedes Land seine Eigenheiten, aber die Lacrimosa Fan-Community ist ja wie eine grosse Familie, so dass wir die Shows immer genossen haben. Einzig die Temperaturunterschiede zwischen Russland bei minus 18 Grad zu 36 Grad in Mexiko waren etwas heftig und z.B. für die Stimmbänder eine Herausforderung… Ich weiss nicht, wie Tilo das so problemlos schafft, aber das Problem ist nicht zu unterschätzen.
Mit Medusa's Spell gab es dann die Zusammenarbeit mit Snakeskin, ihr habt also mit Tilo (von Lacrimosa) und Tilo (von Snakeskin) zusammen Musik gemacht. Gab es Unterschiede bei der Arbeit mit diesen "zwei Tilos"?
Natürlich ist das Songwriting ganz anders und der Tilo “mit Sonnenbrille und Cowboyhut” hat viele Facetten vom Komponieren. Der Snakeskin Sound muss ja gezielt anders sein als bei Lacrimosa. Auch für uns war dieser künstlerische Austausch mit Tilo spannend und auch die Tatsache, eben mal ganz anders an Songs heranzugehen und anders zu arrangieren, als dass wir das bei Kartagon gewohnt sind. Es war eine tolle Erfahrung, gab uns die Gelegenheit mal neue Dinge auszuprobieren und hat natürlich viel Spass gemacht mit Tilo zu arbeiten und gemeinsam Songs zu produzieren. Auch als Sänger ist es spannend gewesen. Denn schlussendlich wächst man ja mit jedem neuen Projekt.
Bisher habt ihr "nur" drei Alben veröffentlicht (zwei Studio Alben und ein Live-Album) (ihr wart aber mit anderen Projekten fleißig) kann man mehr von euch in naher Zukunft rechnen (Ich habe gehört, dass es im Sommer neues Material geben wird)?
Absolut! Wir haben uns Anfang des Jahres ein paar Wochen ins Studio eingeschlossen und einige neue Ideen aufgenommen, die wir nun nach und nach veröffentlichen werden. Da wir gerne noch eine zusätzliche Meinung einbinden, haben wir uns diesmal Vasi Vallis (Anmerkrung Michael: FrozenPlasma/Future Lied to Us/Reaper/NamNamBulu) als Produzenten für die neuen Songs an Bord geholt. Auch ihn kennen wir schon seit längerer Zeit. Da wir in der Vergangenheit mit gegenseitigen Remixes auch schon ein paar Mal zusammengearbeitet haben, wissen wir genau, wie er “tickt”. Er vermag den Songs den nötigen Schliff zu geben und zusätzliche Facetten zu entlocken. Die erste Single “Lost In The Fire” ist nun am 06.06.2025 erschienen. Weitere Songs werden in Kürze folgen. Wir freuen uns sehr über die Reaktionen der Fans!
Was können wir vom neuen Album erwarten, warum habt ihr euch so lange Zeit dafür genommen?
Das letzte Snakeskin Album wurde ja genau vor dem Corona-Lockdown 2020 veröffentlicht und irgendwie war danach die Luft draussen. Wir hatten uns auf die Veröffentlichung von Medusas Spell und ein paar Clubkonzerte gefreut, aber dann kam alles anders und es ging zwei Jahre lang wegen Covid gar nichts mehr. Die Motivation war auf einem Tiefpunkt. Als Künstler brauchen wir das Feedback der Fans und den Applaus. Irgendwann haben wir das Musikmachen aber wieder aufgegriffen und Thomas und ich hatten grosse Lust, wieder ins Studio zu gehen und neue Songs zu produzieren. Lasst Euch überraschen!
Gibt es noch weitere Pläne für die Zukunft, evtl. eine Tour?
Es ist keine Tour geplant. Dafür waren wir einfach zu lange Zeit weg. Natürlich stehen wir für einzelne Club Gigs gerne zur Verfügung. Wir lassen es mal auf uns zukommen. Je besser die Songs ankommen und je mehr die Veranstalter von uns hören und lesen, je höher die Wahrscheinlichkeit, dass wir bald wieder einmal auf der Bühne stehen.
Mit soviel Erfahrung im Musik-Business habt ihr doch sicher eine nette Anekdote, oder?
Abgesehen davon, dass das Musik-Business ziemlich hart ist und wir trotzdem nie aufgegeben haben an uns zu glauben und Spass auf der Bühne zu haben, fällt uns gerade keine Anekdote ein.
Ihr habt schon mit vielen Musikern zusammengearbeitet, gibt es jemanden mit dem ihr gerne zusammenarbeiten würdet?
Einen Studiotag mit Gesaffelstein oder Trent Reznor von Nine Inch Nails wäre grosses Kino.
Wollt ihr noch etwas loswerden oder beichten?
Nochmals einen grossen Dank an die Lacrimosa Fangemeinde für die stets tolle Unterstützung!
Vielen Dank für das Interview!
- Kartagon | Spotify

Das Interview wurde von Michael geführt. Die Fotos sind von Kartagon.